„Ein Neurochirurg“, 2020, Acryl + Aquarell auf Zeitung auf Leinwand, 30 x 30 cm
Ernst Mitzka ist ein deutscher Künstler. Er lebt und arbeitet in Berlin. International bekannt wurde Mitzka schon durch seine frühen Video- und Photoarbeiten, später auch mit seiner Malerei.
„Man stellt sich manchmal vor, die Kunstwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts sei besonders « akademisch » gewesen und seitdem durch die Avantgarden und die rasante Folge der -ismen bis hin zur « Überwindung » der Geschichte überholt worden: Man verkennt, daß in unserer Zeit die Akademie alles überschattet, und besonders das, was sich als Tabou-Bruch, als Obsession, als hyperkritisch gebärdet. Zeitgenössische „Kunst“ definiert sich de facto heute wirklich so, wie es die Institution (d.h. der Markt, die sogenannte Kunst-Welt, das Museum etc.) bestimmt; so hat es bereits in den 60er Jahren die „institutionelle Kunsttheorie“ beschrieben (Dickie u.a.).
Hieraus folgt zwar nicht, daß in der Kunst Tabous zu respektieren, Obsessionen zu vermeiden und Kritik zu übertünchen sei, sondern nur, daß die Aufgabe schwieriger geworden ist. Und auch, daß es schwieriger geworden ist, in der Kunst unserer Zeit das Zeichen der Wahrheit zu erkennen. Denn um eine Form von Wahrheit geht es in der Kunst auch heute allenthalben, wenn es sich nämlich um Kunst in einem engeren, irgend ernsthaften Sinne dreht, wie seit ältester Zeit bekannt war und seitdem sich nicht geändert hat.
Es bleibt deshalb eine wesentliche Aufgabe dessen, was seit Schlegel „Kunstkritik“ heißt, das Zeichen der Wahrheit zu erkennen und diejenige Kunst hervorzuheben, welche in sich eine Wahrheit trägt. „Kritik“ verstand Schlegel dabei ungefähr so wie Kant im Titel seines Hauptwerkes, der Kritik der reinen Vernunft: dem Anspruch der Vernunft entsprechen.
Das Werk von Ernst Mitzka steht uns insofern noch bevor.
In diesem Werk befinden sich Arbeiten in unterschiedlicher Technik nebeneinander, eine ansehnliche Reihe von Videos, eine Reihe von Installationen, eine große Menge von Collagen, oft teilweise oder zur Gänze übermalt, Malereien in verschiedenen Techniken und Größen, und nicht zu vergessen, eine Reihe von Künstler-Büchern. Worum geht es? Eigentlich immer um Abfälle.
Abfälle eines Apparates, der immer weitere Kreise und die menschliche Welt in seinen Bann zieht. Diesen Apparat hat Luhmann seinerzeit als das „System der Massenmedien“ beschrieben, d.h. als ein System, das gewisse Formen von „Information“, „Unterhaltung“ usw. produziert, welche keinen anderen Inhalt haben als nur ihre Selbstreproduktion und hierdurch freilich den einst so formulierten Aufgaben der Information und Bildung in keiner Weise entspricht. Diese Abfälle produzieren seit langem eine neue Form des Traumas, das Bildtrauma. Wie verhält sich das Bildtrauma zur Realität? Es wird einem schwindelig vor dieser Frage. Wir wissen leider nicht mehr so genau, was „Realität“ ist.
Was aber geschieht, wenn ein Künstler von Rang aus dem Umkreis des Bildtraumas heraus oder auch in diesen Kreis hinein lebt und arbeitet, das läßt sich in kaum einem Werk entdecken wie bei Mitzka.
Ich denke an eine Collage aus der Serie The main actor is missing, auf der die Hauptperson eauf einem Pressephoto säuberlich ausgeschnitten, die verbleibenden Hälften aber so zusammenfügt sind, daß das Fehlende zuerst tatsächlich als nie dagewesen erscheint – aber immerhin doch so „erscheint“. Es ist dort eine Hand zu sehen, vielleicht die Hand des im übrigen fehlenden main actor, eine große Hand in einem weißen Handschuh, eine Hand, die spricht. Hände sind sprechend; was aber sagt diese Hand? Sie zeigt an sich, was sie „sagt“. Sie zeigt das Zeigen, sie zeigt eine suggestive Überzeugung, eine Überzeugung, die mit einem Handgriff, einem „tour de main“ (wie man auf Französisch sagt) eine Menge mit sich ziehen kann und etwas anderes zum Schweigen bringt. Diese Hand ist Handlung, aber in einem schlimmen Sinne. Ein Aug‘ ist dahinter zu sehen, das Auge einer Assistenzfigur, irgendeine Frau, die im Hintergrund dabei war. Auf diesem Gesicht ist keine Wahrheit zu sehen. Ich möchte fast sagen: Es reicht aus, auf so einem Bild in der Nähe einer gewiß nicht „glücklichen“, aber leider erfolgreichen Hand zu erscheinen, und ein Gesicht verliert jede Möglichkeit zu scheinen (wie man sagt: die Sonne „scheine“). Ist’s die Schuld der Person? Des Photographen? Wessen eigentlich?
Wüßten wir’s, es bliebe uns vielleicht nur ein Schluchzen. Das Merkwürdige ist: Wir wissen es sogar, aber wir schluchzen doch nicht, oder nur insgeheim.
Die „Kunstkritik“ bleibt ein schweres Geschäft. Mit dem Bisherigen ist so wenig gesagt. Ein mehreres ergäbe sich, könnten und dürften wir uns in die Farbe vertiefen. Wie kann es denn sein, daß einer (Mitzka) mit dem Pinsel solch ein Bild (und andere) übergeht? Man scheint sich geeinigt zu haben, daß Schönheit in der Kunst nicht mehr stattfinde; wir sind ja über den Akademismus des 19. Jahrhunderts weit hinaus. Indes möge man sich das einmal ausdenken: eine Welt ohne jede Schönheit. Wo alle Schönheit geflohen wäre, da wäre selbstverständlich kein Leben irgend möglich; die Schönheit ist das Not-Wenige selbst, wie schon Kant in der Kritik der Urteilskraft auf eine selten zureichend vernommene Weise erklärt hat (viertes Moment des ästhetischen Urteils). Es sprudelt hier aber etwas über die traumatische Bildwelt und wird Farbe; ich würde nicht geradewegs sagen: in Schönheit, aber bei ihr, auf eine Weise, die sich selbst schonungslos zur Verfügung stellt. Eine nicht geschonte Schönheit.
Es gibt da ein ganz gewisses Hellblau, das aussieht wie intensive Neutralität. Man stelle sich ein Bild vor, über das sich eine Art Schirm legt, in dem nichts mehr zu sehen wäre, alle Sichtbarkeit erlöschte und man plötzlich vor einer optischen Leere stünde, die viel aufdringlicher ist als alle Fülle je sein könnte, gleich als wären uns die Lider abgeschnitten, wie Heinrich von Kleist einmal vor einem Ölgemälde gesagt hat. Hier und da ist es auch ein Grasgrün, dem dieser Charakter gegeben ist, man weiß nicht recht wie.
Die sich nicht schont, diese Schönheit lebt aus der symptomatischen Position des Künstlers. Symptomatisch nenne ich diejenige Position, in der ein Künstler sich dadurch begibt, daß er sich einfach zeigt und damit zugleich all das zeigt, was sich an ihm zeigt, sobald er sich zeigt. Der Satz und vielmehr Werk-Titel „Zeige deine Wunden“ (Beuys) hat dies auf eine vielleicht etwas plakative Weise gesagt, stilistisch höchst verschieden von Mitzka, aber doch nicht ohne Bezug auf dieselbe Sache. Wir könnten auch so sagen: Nicht er zeigt etwas, sondern: Es zeigt sich selbst an ihm. Die symptomatische Position ist gewiß nicht die leichteste oder die lustigste unter allen möglichen Positionen.
Es ist aber nicht immer richtig, wenn man eine Sache geradehin sagt. Wir dürfen diesen Satz auf geradehin oder auch auf sagt betonen. Um es damit nicht allzu schlecht zu halten, wollen wir nun lieber schweigen und auf Mitzkas Werk verweisen.“
Bruno Haas
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